Ja, nun, da sitze ich schon den ganzen Tag mit der Tastatur vor mir, hätte so vieles zu berichten von Wolle, gutem Essen, Kunst, Pilzstöcken, Strickstücken und einigem mehr.
Aber. Es. Kommt. Einfach. Nichts. Durch. Hört sich alles so nichtig an.
Hört sich alles so banal an, gegen den Inhalt der Nachrichten der letzten Tage. Immer das gleiche: Missbrauch. Ein Wort, das so viel unzutreffender ist, als das, wofür es steht: Vergewaltigung.
Einem Erdrutsch gleich in kirchlichen Institutionen wie Schulen und Domspatzen. Als wär das nicht schon ekelhaft genug, nun auch in einer ganz “normalen” Schule und die nicht ausgesprochene Hoffnung, dass sich auch in diesem Bereich nicht nur die Spitze eines Eisberges zeigt.
Es wird gesprochen über Opfer, deren Aussagen vertuscht und verharmlost, als übertrieben abgetan wurden. Es wird gesprochen von einem Täter, der, ach der Arme, geschützt werden müsse, da er suizidgefährdet sei. Wieviele der Opfer begingen Suizid nach dem Mord an ihrer Seele? Davon, dass diese Vergewaltigungen 10 Jahre nach ihrem 18. Geburtstag verjähren, wenn sie von den Opfern nicht zur Anzeige gebracht werden. Von Kopfnüssen, die aus Spaß gegeben wurden, während Eltern unter strafrechtlicher Verfolgung stehen, wenn sie ihre Kinder züchtigen. Davon, dass Kinder nicht nur von Schulleiter und Lehrern vergewaltigt wurden, sondern von diesen auch noch an Besucher der Schule ausgeliehen wurden. Eltern, die ohne es zu wissen, nicht zuletzt dafür zahlten, dass ihre Kinder zu Objekten degradiert wurden.
Eugen Drewermann wurde 1992 aus dem Priesteramt heraus suspendiert, weil er sich nicht scheute, andere Meinungen als die der katholischen Kirche öffentlich zu vertreten. Er wurde suspendiert wegen einer eigenen Meinung, nicht etwa weil er sich an ihm anvertrauten Kindern sexuell vergangen hätte.
Und der Papst schweigt. Und der Bruder des Papstes weiß auch nichts.
Das macht so sprachlos.
Ich frage mich, warum solche Missbräuche verjähren können, wenn die Opfer doch mit Beginn der Tat zu lebenslänglich verurteilt werden. Ich frage mich, warum die Kirche ihre Hand über solche perversen Schweine hält, warum sie nicht sofort exkommuniziert und dem Strafvollzug überstellt werden. Jesus hat gesagt “Lasset die Kindlein zu mir kommen” und hat damit definitiv nicht von der Befriedigung abartiger Triebe gesprochen.
Und der Papst schweigt. “Wir sind Papst” hieß es nach seiner Wahl. Brechreiz hat sie mir damals verursacht, diese Schlagzeile, heute möchte ich nur noch kotzen, wenn ich daran denke. “Wir sind Papst” – toller Hirte einer Institution, die offensichtlich in großem Maße vertuschte, verschwieg und sich an jedem einzelnen vergewaltigten Kind so noch ein zweites Mal verging. Noch irgendjemand Lust am Stolz?
Es wäre an der Zeit, die roten Schuhe, den Prunk & Protz abzulegen und 99 neue Thesen an die Kirchtüren zu schlagen und nicht mehr der Institution, sondern dem Menschen an sich zu dienen. Ein Glaubensbekenntnis, in dem der Glaube an die heilige katholische Kirche bejaht wird? Wie war das mit dem Gott und dem, dass es neben ihm keine anderen gibt?
Es wäre an der Zeit, dass Politiker sich weniger im Glanz eitler Selbstverliebtheit spiegeln, mal hier, mal dort das Tanzbeinchen schwingen und prassen da, wo andere darben, von denen sie gewählt werden möchten. Den Stinkefinger des Desinteresses bleibt auch dann ein Stinkefinger, wenn er mit rhetorischer Blasiertheit verbrämt wird. Wie war das noch mal mit der Frage, die man sich stellen soll? Sollte man nach dem fragen, was man für die Anderen tun könnte oder nach dem, was diese für einen selber tun können?
Anders kann ich mir nicht erklären, warum es möglich ist, dass Täter es so viel leichter haben können als ihre Opfer.
Denkt mal drüber nach, dass aus ganz normalen Kinder traumatisierte Opfer wurden, die kein Gehör fanden. Darüber, dass aus diesen schwer traumatisierten Kindern, schwer traumatisierte Erwachsene wurden. Schwer traumatisierte Erwachsene, die Partner haben, vielleicht Kinder. Darüber, das schwer traumatisierte Partner, schwer traumatisierte Eltern, ein gute Stück ihres Traumas in irgendeiner Form wiederum auch an ihre Partner, ihre Kinder weiter geben.
Und dann?
Ein Erdrutsch aus Leid. Aus nicht gehörtem, aus verleugnetem, aus unerwähnten, aus noch nicht mal gesühntem Leid.
So eine unfassbar grauenvolle Hypothek.