Unfassbar …
7. März 2010 von Ev
Ja, nun, da sitze ich schon den ganzen Tag mit der Tastatur vor mir, hätte so vieles zu berichten von Wolle, gutem Essen, Kunst, Pilzstöcken, Strickstücken und einigem mehr.
Aber. Es. Kommt. Einfach. Nichts. Durch. Hört sich alles so nichtig an.
Hört sich alles so banal an, gegen den Inhalt der Nachrichten der letzten Tage. Immer das gleiche: Missbrauch. Ein Wort, das so viel unzutreffender ist, als das, wofür es steht: Vergewaltigung.
Einem Erdrutsch gleich in kirchlichen Institutionen wie Schulen und Domspatzen. Als wär das nicht schon ekelhaft genug, nun auch in einer ganz “normalen” Schule und die nicht ausgesprochene Hoffnung, dass sich auch in diesem Bereich nicht nur die Spitze eines Eisberges zeigt.
Es wird gesprochen über Opfer, deren Aussagen vertuscht und verharmlost, als übertrieben abgetan wurden. Es wird gesprochen von einem Täter, der, ach der Arme, geschützt werden müsse, da er suizidgefährdet sei. Wieviele der Opfer begingen Suizid nach dem Mord an ihrer Seele? Davon, dass diese Vergewaltigungen 10 Jahre nach ihrem 18. Geburtstag verjähren, wenn sie von den Opfern nicht zur Anzeige gebracht werden. Von Kopfnüssen, die aus Spaß gegeben wurden, während Eltern unter strafrechtlicher Verfolgung stehen, wenn sie ihre Kinder züchtigen. Davon, dass Kinder nicht nur von Schulleiter und Lehrern vergewaltigt wurden, sondern von diesen auch noch an Besucher der Schule ausgeliehen wurden. Eltern, die ohne es zu wissen, nicht zuletzt dafür zahlten, dass ihre Kinder zu Objekten degradiert wurden.
Eugen Drewermann wurde 1992 aus dem Priesteramt heraus suspendiert, weil er sich nicht scheute, andere Meinungen als die der katholischen Kirche öffentlich zu vertreten. Er wurde suspendiert wegen einer eigenen Meinung, nicht etwa weil er sich an ihm anvertrauten Kindern sexuell vergangen hätte.
Und der Papst schweigt. Und der Bruder des Papstes weiß auch nichts.
Das macht so sprachlos.
Ich frage mich, warum solche Missbräuche verjähren können, wenn die Opfer doch mit Beginn der Tat zu lebenslänglich verurteilt werden. Ich frage mich, warum die Kirche ihre Hand über solche perversen Schweine hält, warum sie nicht sofort exkommuniziert und dem Strafvollzug überstellt werden. Jesus hat gesagt “Lasset die Kindlein zu mir kommen” und hat damit definitiv nicht von der Befriedigung abartiger Triebe gesprochen.
Und der Papst schweigt. “Wir sind Papst” hieß es nach seiner Wahl. Brechreiz hat sie mir damals verursacht, diese Schlagzeile, heute möchte ich nur noch kotzen, wenn ich daran denke. “Wir sind Papst” – toller Hirte einer Institution, die offensichtlich in großem Maße vertuschte, verschwieg und sich an jedem einzelnen vergewaltigten Kind so noch ein zweites Mal verging. Noch irgendjemand Lust am Stolz?
Es wäre an der Zeit, die roten Schuhe, den Prunk & Protz abzulegen und 99 neue Thesen an die Kirchtüren zu schlagen und nicht mehr der Institution, sondern dem Menschen an sich zu dienen. Ein Glaubensbekenntnis, in dem der Glaube an die heilige katholische Kirche bejaht wird? Wie war das mit dem Gott und dem, dass es neben ihm keine anderen gibt?
Es wäre an der Zeit, dass Politiker sich weniger im Glanz eitler Selbstverliebtheit spiegeln, mal hier, mal dort das Tanzbeinchen schwingen und prassen da, wo andere darben, von denen sie gewählt werden möchten. Den Stinkefinger des Desinteresses bleibt auch dann ein Stinkefinger, wenn er mit rhetorischer Blasiertheit verbrämt wird. Wie war das noch mal mit der Frage, die man sich stellen soll? Sollte man nach dem fragen, was man für die Anderen tun könnte oder nach dem, was diese für einen selber tun können?
Anders kann ich mir nicht erklären, warum es möglich ist, dass Täter es so viel leichter haben können als ihre Opfer.
Denkt mal drüber nach, dass aus ganz normalen Kinder traumatisierte Opfer wurden, die kein Gehör fanden. Darüber, dass aus diesen schwer traumatisierten Kindern, schwer traumatisierte Erwachsene wurden. Schwer traumatisierte Erwachsene, die Partner haben, vielleicht Kinder. Darüber, das schwer traumatisierte Partner, schwer traumatisierte Eltern, ein gute Stück ihres Traumas in irgendeiner Form wiederum auch an ihre Partner, ihre Kinder weiter geben.
Und dann?
Ein Erdrutsch aus Leid. Aus nicht gehörtem, aus verleugnetem, aus unerwähnten, aus noch nicht mal gesühntem Leid.
So eine unfassbar grauenvolle Hypothek.


du hast recht, dabei kommt einem das kotzen und das heulen auch gleich. schlimm ist auch, dass das ja nix neues ist, sowas passiert überall und schon seit gedenken, nur in heutiger zeit wird wenigstens darüber gesprochen und – wenn auch immer noch zu selten juristisch – gerichtet. noch vor nicht allzulanger zeit hat man sich ja nicht mal getraut, über die un!taten des “herrn pfarrer” (oder herrn lehrer), der angesehen zu sein hatte, zu sprechen…
Niemand kann das wohl in passendere Worte kleiden als Du, so wahr.
Liebe Grüße,
Uta
Sehr treffend und gut auf den Punkt gebracht, liebe Ev; im übrigen schließe ich mich den Vorschreiberinnen an.
Es ist in der Tat unfassbar.
LG E.
Das ist doch nicht die Einzige Hypothek die auf dieser Institution lastet. Sie hatten auch in der Inqusition keine Skrupel – oder wenn sie ihre Raubritter losschickten die im Namen Gottes mordend, vergewaltigend und brandschatzend durch die Gegend zogen.
Schon vergessen? Sie sind für unfaßbare Massaker und Kriege verantwortlich.
Schämen sollte man sich.
Seiner Vergangenheit – und wie man sieht auch seiner Gegenwart!
Anstatt überall mitreden zu wollen ,empfehle ich mal Klausur und Demut – und anstatt anderen Leuten zu predigen wie man leben soll und sich verhalten soll, könnte man ja mal dafür sorgen, dass der moralische Anspruch erst mal in den eigenen Reihen durchgesetzt wird – MIT ALLEN KONSEQUENZEN.
Aber du und ich, wir wissen ja aus der Erfahrung heraus wie das laufen wird – wie immer eben. Ist was gewesen? Nein – oder?
Man predigt ja auch Zölibat und zahlt Allimente für die unehelichen Kinder der Diener Gottes – alles kein Problem.
Doppelt muß man sie eben haben – die Moral. Eine für die Leute die auf der Kirchenbank sitzen – und eine für sein Personal. Dann geht das schon.
Ich kotze mit!
Grüßle
Christiane
Liebe Ev,
wenn ich eine eigene Website hätte, würde ich jetzt einen fetten Link hierher setzen.
Unfassbar ist auch die Aussicht, dass (wieder einmal) alles so nach und nach im Sande verlaufen wird, weil man ja keine Schäfchen (und deren Kirchensteuer) velieren will.
Theoretisch wird von Bestrafung geredet, aber praktisch???
Hier ein Zitat, ich weiß leider nicht mehr von wem:
Gibt es einen Unterschied zwischen Theorie und Praxis? Ja, den gibt es. In der Tat.
Was ist dagegen schon eine Betrunkenheitsfahrt? Diese Frau hat Mut bewiesen, auch wenn ihr “Vergehen” verschwindend gering ist im Vergleich zu dem, was in der katholischen Kirche passiert ist und noch passiert.
Ich schließe mich dem kollektiven Kotzen an.
LG
Susanne
Wie recht du hast wie treffende Worte du gefunden hast! Ich kann gar nicht so viel essen wie ich da kotzen will und schlage drei Kreuze, dass ich aus dem Verein ausgetreten bin! Ja, es sind nicht immer Geistliche, es sind auch “normale” Lehrer, ich weiß. Und ich verstehe bis zu einem gewissen Grad auch, das es nicht richtig ist, wenn man mit einer pauschalisierten “Küchenpsychologie” daher kommt und dem Zölibat die Schuld gibt. Aber ein befragter “Mensch von der Staße” sagte so schön: “Was soll das Hickhack?! Da gehört ein Staatsanwalt rein!”. Stimmt. Warum die Zurückhaltung?! Und in der gleichen Woche (ich war krank) kommt ein Bericht über HIV in Afrika und das der Papst den Menschen dort Kondome verbietet. Ha! Und einen Tag später ein Bericht über eine polnische Frau, die abtreiben wollte, weil sie aufgrund der Schwangerschaft zu erblinden drohte. “Mörderin” wurde sie von der Kirche genannt! Öffentlich in einer Kirchenzeitschrift! Und in “Mona Lisa” berichteten sie jetzt auch von Missbrauch durch Nonnen… naja, warum sollen nur Männer die Bösen sein, machen wir uns nix vor. Aber es sind soooo viele! Und dann zeigen sie die Pressekonferenz aus dem Kloster, wo der Täter mit leidverzerrtem Mund gesteht, dass auch er beteiligt war. Was erwartet der jetzt? Szenenapplaus, weil er sich traut das zuzugeben? Ich verwette meinen linken Arm, dass der sich sehr wohl vorab schlau gemacht hat, ob und wenn ja wieviel man ihm dafür noch anhaben kann. Ich bin selbst einmal angegriffen worden; nachts, vor der Haustüre. Mir ist körperlich nichts passiert, aber der Schock über die Hilflosigkeit, die Unfähigkeit mich zu wehren, steckt mir noch nach 20 Jahren tief in den Knochen. Ich wünsche allen Opfern, dass sie so viel Gerechtigkeit und Wiedergutmachung erfahren wie nur irgend möglich ist!