Das zweite Bierchen in Neckargemünd
24. März 2010 von Ev
Meistens passiert gar nichts beim Bahnfahren, außer dass es die Umwelt und meinen Geldbeutel schont und mich um einiges später nach Hause bringt, als es mit dem Auto der Fall wäre. Schade um die schöne Zeit.
Wenn es schneit kann man drauf wetten, dass die S-Bahn sich verspätet und die Fahrscheine wurden in diesem Jahr noch gar nicht kontrolliert. Weder auf dem Hin, noch auf der Her.
So rattert, quietscht, pfeift mein Weg 2 Mal/Tag vor sich hin und dann gibt es eine Woche wie diese, die damit eingeläutet wird, dass das ganze Abteil dabei zuhören darf, welcher Kicker von 1899 Hoffenheim am Wochende in der Disco ohne Hilfe nicht selber dazu in der Lage war, sich ein (O-Ton) “Weib klar zu machen” und dann war da noch diese 19-jährige Saftschubse- äh Stewardessenanwärterin mit Mundgeruch bei German Wings, die sich deshalb dort beworben hat, weil man da so viel verdient und auch noch 500 € Klamottengeld bekommt und 3,33 % des Umsatzes ihrer Verkäufe bei jedem Flug und das 6 Mal/Tag. Das Abteil und ich wussten an diesem Morgen Alles: Dass ihre Eltern sie lieben und sie deshalb so intelligent sei, dass bei den Einstellungsgesprächen über Guido Westerwelle diskutiert wurde und dass sie einen Vortrag darüber hielt, dass sie genau deshalb die Richtige für diesen Job sei, weil sie ja ‘ne Junge ist und nicht so ‘ne Omi, die zur Lufthansa gehört und immerhin, immerhin seien da ja diese 3,33 % und die würden monatlich alles so rausreissen, dass das mit einer eigenen Wohnung, egal wo, auf jeden Fall klappen wird. Und dann war da auf ihrer Rückfahrt noch der Typ aus dem IT-Management, 27 zwar, aber mit einem Gehalt bei fast 3.000. Und jetzt schreibt man sich halt. Mit dem Handy und so. Weiß man ja alles nicht!
Kennt Ihr das Buch “Entschuldigung, sind Sie die Wurst? – Deutschland im O-Ton” von belauscht.de? Kann ich Euch nur empfehlen, denn genau so ist es, nur das mit dem Belauschen, das ist ganz anders, denn Lauschen ist heimlich, leise, angestrengt hinhören und nicht dieses zum Hören gezwungen werden, dem man einfach nicht aus dem Weg gehen kann, weil es bis durch die Ohrstöpsel des zur Selbstverteidigung gezogenen mp3-Players wabert und man beim Eingeben der nächsten Lautstärkestufe ernsthaft um sein Hörvermögen bangen müsste.
Meistens habe ich, wie Uta mal so schön schrieb, tatsächlich Spässchen beim Gleisverkehr, manchmal schäme ich mich einfach fremd, gestern aber da habe ich mich das zweite Mal in über zwei Jahren einfach weg gesetzt.
Die Abteile waren sehr viel voller als sonst und so sagte ich beim erstbesten freien Platz artig mein Sprüchlein auf und setzte mich bedankend. Jeder hat ja so seine Vorlieben, ich sitze am liebsten in Fahrtrichtung am Fenster, was meist nicht klappt, gestern auch nicht. Rückwärts in einer 4er-Gruppe am Gang. Vor mir ein junges Paar. Sie noch weit von der 20 entfernt, er deutlich drüber, dazu alkoholisiert, lallend, ausdünstend, Flasche Bier öffnend. “Das sweite Bierchen trink ich dann in Neckaahmünd, das sweite Bierchen und dann noch eins schpäda”. Volltrunken zwar, aber wenigstens ohne jegliche Agressionen. Seine Freundin ist nüchtern, zeigt ihren Hass auf Alles und Jeden, ihn eingeschlossen, sehr deutlich. “Spast. F…ze. F..ck dich. Ich hau dir eine aufs Maul. Arschlöcher. Dreckschlampe. …” – im Minutentakt und immer wieder unterbrochen von deutlichen Drohgebärden gegen ihren Freund, der in seinem Suff versucht, dagegen an zu säuseln. “Mein Schadzi gehed summ Aaazd un da ge ich midd” sagt er und legt die bierlose Hand auf ihr Knie, woraufhin seine Holde mit ihrer rechten Faust auf sein Gesicht zielt, kurz davor abbremst “Fi.. dich. Halt’s Maul. Vö..l die Dreckschlampe. Ich hau dir noch einen Blinker auf dein Auge und in deine Fresse, Arschloch”. Er zuckt zurück, zieht den Kopf zwischen die Schultern, erzählt davon, dass er in Neckargemünd sein zweites Bierchen trinken wird, obwohl sein erstes noch nicht leer ist und die S schon in den Bahnbereich einfährt.
Noch mehr Schüler steigen zu “Alles dumme Schweine, diese Arschlöcher von der Schule. Schwachsinnige Idioten” giftet sie, während er seinen Kopf auf ihre Schulter legt, die Bierflasche ansetzt “Unn der Rasierer mid dehm könnnd mein Schadzi sich dann da unne”, er fährt seinen rechten Zeigefinger in ihre Richtung aus “isch main sooo rasiehhh…” – ihre Faust an seiner Kehle, während sich ihr Gesicht hoch rot verfärbt, zischt sie ihn aus zusammengepressten Lippen an “M.A.U.L! AUF DIE FRESSE! Arschloch. Fi..k dich”. Während er irgendwas lallt, und seinen Kopf immer wieder zwischen seine Schultern zucken lässt, wird mir schlecht und als am nächsten Halt endlich die Hälfte der Fahrenden aussteigt, suche ich mir einen anderen Platz. In Fahrtrichtung. Am Fenster.
Endstation traurige Realität. Und 2 Mal in über zwei Jahren ist ja auch kein schlechter Schnitt …
… lachen wär mir lieber.


Ach Ev, ich danke dir von Herzen für diesen Artikel…….ich hab schallend gelacht!!! Es gibt ja nix komischeres als das Leben! Ich schreibs ja auch immer wieder gerne nieder…..
Ganz liebe Grüße
Andrea
Weißte was?
!
Liebend gerne würde ich eine solche Situation mal mit Dir erleben – und dann drüber schreiben, so hin und her, das wäre klasse
Herzliche, Ev
Ich wohne direkt neben einem Spielplatz.Letztes Jahr sind neue Leute in der Gegend eingezogen. Deren Kinder kamen natürlich auf den Spielplatz – mit ähnlichem Vokabluar. Sie sind etwa kniehoch – und beherrschen es gut. Es sind Melvin der Pisser, Patricia die Schlampe – und Kevin der als Sack.
Als ich wenige Tage nach dieser Erkenntnis die Mutter sah, bin ich freudestrahlend auf die zugelaufen und habe gesagt: ” Ach sie sind die Mutter – ich durfte ihre Schlampe, den kleinen Pisser und den alten Sack letztens schon kennenlernen – es war mir eine Freude!”
Undgläubiges Staunen auf Seiten der Mutter.
Dann ich wieder – sehr freundlich: “Ihre Kinder heißen doch so – oder nicht? Sie spechen sich mit Pisser, Schlampe und alter Sack an – huch, ich dachte jetzt wirklich, das ist ihr Name.”
Ich würde ja auch gern wegsitzen können – oder in meinem Fall wegziehen – denn wohnen neben einem Spielplatz grenzt mittlerweile an Körperverletzung – und das nicht nur der leeren Schnapsflaschen wegen, die hier jede Nacht zerschlagen werden
Ich kann dich sehr sehr gut verstehen – ich mag nicht mal mehr im Garten sitzen. Und das Buch, das kenne ich gut *ggg*.
Grüßle
Christiane
… lass Dich umarmen, von Herzen, wissen, verstehend!
Mittlerweile gibt es so viele mentale Scherbenhaufen an versifften Kinderspielplätzen …
Herzlichst, Ev