klein war, konnte man beim Bäcker ein Gummibärchen für 1 Pfennig kaufen. Die Eltern meines Vaters bestanden darauf, dass ich bei der Begrüßung vor ihnen einen Knicks machte. Ich überlegte bei Rheinbootsfahrten, ob ich, wenn das Schiff untergehen würde, für das Schwimmen im Wasser die Schuhe ausziehen müsste oder nicht. Fernsehen war schwarz-weiß oder gar nicht und erst recht nicht über 24 Stunden. Schon meine erste Zugfahrt war scheiße. Ich machte erste Schwimmzüge im Ammersee. Zuzelte ganz frische Wienerle und aß Kümmelsemmeln.
Als ich in die Schule kam, hörte ich zum Missmut meiner Großeltern mit dem Knicksen auf, denn nun war ich groß. Beim Essen wurde nicht getrunken und der erste Mensch betrat den Mond. Vor der Schule standen Schülerlotsen und deren Worte und Gesten waren Gesetz. Im Sportunterricht trugen wir schwarze Sportkleidung und in der ersten Klasse waren wir über 30 Schüler, alles mit einer Lehrerin. Ich legte mich auf Schotter mit dem Fahrrad lang und Tarzan kam im Fernsehen. Schwarz-weiß, Hahhhhuaahuahuahuahuaaaaaaaahhhhhhhhh. Wir wühlten uns in Blätterhaufen und Zecken wurden halt einfach rausgedreht, Jod drauf, fertig. Erwachsenen gab man die Hand und sagte “Grüß Gott. Danke. Bitte. Pfüati.” Nicht in dieser Reihenfolge, aber irgendwas davon war immer angebracht, der Höflichkeit wegen. Samstags gabs für jeden 1 Mark und dafür durften wir uns beim Bäcker an der Ecke Süßigkeiten in eine Papiertüte füllen lassen.
Als ich älter wurde, tanzte ich das erste Mal Stehblues auf einer Katechumenenparty. Mittwochabends war Disco im Jugendzentrum und niemand gab zu, dass er “Dallas” oder “Denver” im TV schaute, aber alle kannten J. R. Ewing und Joan Collins. Wir aßen Pommes Schranke und Mohrenkopfbrötchen, sangen auf der Straße “We are the champions” von Queen, trafen uns Montagabends im Hallenbad, bekamen erste Zungenküsse und daheim lag die LP von Deep Purple auf der von Richard Clayderman. Ich hasste Schlaghosen und trug nur Röhrenjeans. Wir rauchten heimlich hinter Hecken und kauten danach auf Grashalmen herum, aber keine von uns hätte daran gedacht, ihre Unterbux oder auch nur den BH-Träger blitzen zu lassen. Sowas taten nur Schlampen und wir waren keine. Auf Feten kreiste heimlich Persico und Komasaufen mit Jägermeister war noch nicht erfunden. So hartes Zeugs war nur was für derbe Säufer. Verabredungen liefen über Briefchen, SMS gab’s noch nicht, oder über’s Telefon, Handy war noch nicht erfunden, und Telefon hatte auch nicht jeder im Haus. So war das in den 70ern und die Zündkerzen an meinem Mofa konnte ich selber wechseln.
Als ich das erste Mal wählen durfte, da habe ich mir die Sache mit dem Kreuzchen nicht leicht gemacht, aber wählen gehen war sowas wie Ehrensache. Wir diskutierten gern und viel und oft. Komasaufen war noch immer nicht erfunden und betrunken zu sein, machte keinen Spaß, also ließ ich es. Wenn man jemanden kennenlernen wollte, musste man weggehen und den Mund aufmachen, denn die nette Bildchen im I-net, die waren auch noch nicht erfunden. Spaß hatten wir trotzdem. Paris Hilton war noch Quark, jeder hatte seinen eigenen Held und bei jedem war’s ein anderer. Wir hörten Straßenjungs und Supertramp und Manfred Mann und Hape Kerkeling hieß Hannilein. Baggersee hieß oben ohne und Schule ohne Stricken ging gar nicht.
All das ging mir durch den Kopf, als das jüngste Kind breit grinsend mit einer Papiertüte zu mir kam, sich aufs Sofa fallen ließ, die Tüte öffnete und sagte “Das ist das erste Mal seit der Grundschule, dass ich mir beim Bäcker für 1 € Süßigkeiten geholt habe”.
Schön, dass sich manches nicht ändert.
Und die Briefe und Briefchen von damals, die habe ich alle noch und alle Jubeljahre einen riesigen Spaß daran, in ihnen zu blättern – und wenn sich alle SMSn schon lange im Pixelnirwana aufgelöst haben, dann sind sie vielleicht noch immer da. Dann kann ich sie zusammenknüllen, Flieger oder Blümchen aus ihnen falten, sie in Asche und Rauch aufgehen lassen oder sie mir selber vorlesen und dabei lachen oder heulen. Je nachdem.
Gut so.


ja, damals, gell
lg gila
Wohl ähnlicher Jahrgang und ähnliche Erlebnisse.
Am Wochenende wurden so kleine Eisschokoladentörtchen in buntem Staniolpabier verteilt und ich erinnerte mich an die Zeremonie beim Essen derselben in meiner Kindheit. Schön, dass es manche Dinge noch gibt und unsere Kinder auch ihre wiederholbaren Erlebnisse und Erinnerungen haben.
Danke fürs Erinnern!
hach… du hast mich grad sentimental gemacht!
Danke dafür… ich lächle grade vor mich hin…
LG Heike