Rammlerrummel
13. Dezember 2009 von Ev
Vor Monaten las ich in einem Strickblog davon, dass es innerhalb eines Kaninchenzüchterbandes eine handarbeitende Frauengruppe gibt, was meine Neugier weckte, und so bot es sich für Herrn Ev und mich doppelt an, heute in die Messe Karlsruhe zur Bundeshopplerschau zu fahren.
Die Vorstellung der verschiedenen Kaninchenrassen und -sorten war aufgrund ihrer Vielfältigkeit sehr interessant, wobei mir auch jetzt danach noch immer die Hasenkaninchen und die Rexe die liebsten sind und bleiben werden. Manche Karniggel hingegen waren dermaßen groß und wuchtig, dass ich Nachts und im Dunkeln unbewaffnet keinem von ihnen alleine begegnen wollen würde! Ich sag nur: mehr als 9 kg, das ist heftig!
Wir durchliefen also zwei Hallen, die Luft mal mehr, mal weniger stechend und kamen dann in die dritte Halle, in der vielfältiges Zubehör für den ambitionierten Kaninchenzüchter angeboten wurde und die Frauengruppe/n innerhalb des Zuchtverbandes ihre Handarbeiten ausstellten.
Was als Erstes ins Auge stach, waren vielfältig verarbeitete Felle bis hin zu Decken, Wandbehängen und Jacken, die ich sämtlich unkommentiert lasse, da sie für sich selber sprechen dürfen:
Den beigfügten weißen Zettelchen maß ich keinerlei Beachtung bei, bis ich vor diesen Flauschimauschischals stand und neugierig

las, wie sie bewertet wurden:

Aha, mit “hervorragend” und der vollen Punktzahl von 20 in den Sparten “Material und Beschaffenheit” und “Anfertigungsaufwand”. O. k. Geschmäcker sind verschieden, darüber will ich auch gar nicht streiten, hier aber ausgerechnet auf Echt-Polytier zu treffen, damit hatte ich nicht gerechnet.
Ab diesem Moment gönnte ich den Zettelchen zu den jeweiligen Handarbeiten besondere Beachtung:


10 Paar gestricktfilzte Hausschuhe, ebenfalls “hevorragend”, aber nirgendwo die volle Punktzahl. Jo mei, die Geschmäcker sind halt verschieden und wer nicht strickt oder gar strickfilzt, der kann ja auch nicht in Hinsicht auf Material, Beschaffenheit und Arbeitsaufwand ahnen, ob der Flauschimauschschal oder gestrickfilzte Hausschuhe mehr Arbeit machen …
Ah, nochmal Strickfilz, diesmal gleich als ganzes Complet, das zusammen ausgetragen werden kann:

Das Zettelsche sagt:

Na, Tschakka, auch “hervorragend”, aber wieder nix mit voller Punktzahl …
Oh, jetzt wird’s für die Strickwelt interessant:

Na, wenn das nicht eine schöne Zusammenstellung ist!

Möffff, nur ein “Sehr gut”, denn der “Anfertigungsaufwand” wird mit “etwas zu wenig” bemängelt. “Etwas zu wenig?” – mit Verlaub, das macht mich schon “etwas sprachlos”, denn ich habe den Eindruck, dass die Wolle für die Strickstücke selbst hergestellt wurde, außerdem ist das Strickbild sehr regelmäßig. Ist halt so grau und so fast weiß, hat so was von öko und wer selber nicht stricken kann, der weiß vielleicht auch nicht, dass solche Strickstücke nicht einfach so einem Anfänger von den Nadeln rutschen und der kann natürlich auch nicht wissen, ob hier mehr Aufwand drin steckt als bei, Verzeihung, dem Polytiergarn, das man ja immerhin auch erst mal selber erlegen und zu Knäueln verarbeiten muss …
Ich gab die Hoffnung auf und traf als nächstes auf eine wunderbar verarbeitete und farblich kombinierte Patchworkjacke.

bei der zumindest die Reichhaltigkeit voll bewertet wurde:

Ja, “Hoffnung!” jubelte es in mir, während ich den Tisch weiter umrundete, um auf mein ganz persönliches Highlight zu treffen – eine in Textur und Verarbeitung wunderschöne Zipfeljacke, bei der sofort klar war, dass auch das hier verarbeitete Garn nur selbst hergestellt worden sein konnte:

Vor lauter Begeisterung vergaß ich ganz, den rechts davon liegenden Pullover mit Blütenmuster zu fotografieren, der zusammen mit der Jacke bewertete wurde:

Oh weh, mein Schmerzpunkt war erreicht … ein absolut lahmes “Sehr gut”, denn der Pullover zeigte eine, leider vollkommen unauffindliche, Laufmasche und so erreichten weder die “Verarbeitung”, die “Beschaffenheit des Materials”, der “Anfertigungsaufwand” noch der “Gesamteindruck” die volle Punktzahl
.
Ja nun, die Geschmäcker, die sind halt unterschiedlich und wenn man nicht weiß …
Mein Ehrgeiz war geweckt, denn nun wollte ich wissen, ob es nicht doch noch irgendeine hervorragende Handarbeit mit vollen Punktzahlen gab.
Ich kam, sah, stieg in mein ganz persönliches Soutterain des guten Geschmacks und kriegte dazu auch noch die Motten:

Ein Häkeldeckenset in flauschigem lindgrün-weiß bewies,

erlasst mir die Wiedergabe, dass sich tatsächlich über Geschmack nicht streiten lässt und auch nicht über exakter Zweckarbeit und etwas fehlende Harmonie …
Oh mein Gott! Wie sieht eine Wohnung aus, in der solche Deckchen auf den Tischchen liegen und warum? Wie wird man Preisrichter/in für handarbeitende Frauengruppen in Kaninchenzüchtervereinen? Muss man als Preisrichter/in für handarbeitenden Frauengruppen in Kaninchenzüchtervereinen selber des Handarbeitens oder der Grundbegriffe faserverarbeitenden Handarbeitens mächtig sein? Warum wird man Preisrichter/in für handarbeitende Frauengruppen in Kaninchenzüchtervereinen?
Spaß beiseite, es würde mich wirklich interessieren, wie diese Guppen strukturiert sind, wieviel Wert auf das Handarbeiten und besonders auf das Verarbeiten von Kaninchenfellen gelegt wird, wie die Felle für die Verarbeitung hergerichtet werden und ob auseichend Nachwuchs in innerhalb dieser Gruppen vorhanden ist.
Ich sollte mich mäßigen und das Zitat meines ehemaligen Deutschlehrers, dass es wichtiger sei, dass jemand lese, als was, in die Realität des heutigen Tages umsetzen und mir vor Augen halten, dass es wichtiger ist, dass jemand/in handarbeitet, als das, was handgearbeitet wird und mein Mantra “Über Geschmack lässt sich nicht streiten – alles ist relativ!” wiederholen, bis alles gut ist …
War es ja auch, denn ich unterhielt mich sehr nett mit diesen zwei Damen,

die eine klöppelnd, die andere selbst kardierte Angorawolle verspinnend, die auf reges Interesse der Besucher trafen:

Die Spinnerin ist übrigens die Dame, die die so schöne Zipfeljacke und den Laufmaschenpullover strickte, bei dem wir keine fanden. Sie verarbeitet ihre Wolle von Anfang bis zu Ende selber und es war sehr eindrucksvoll, wie einfach sie aus den doch recht kurzen Angorawollefasern einen absolut gleichmäßigen feinen Faden spann.
Ja, so ist alles gut!












http://www.youtube.com/watch?v=-fJZHDxwV7U&NR=1&feature=fvwp
Da staune ich nicht schlecht, bei dir einen so ausführlichen Bericht zu lesen über diese Ausstellung. Ich selbst war 18 Jahre lang in einer Fellnähgruppe (in der CH) und habe mit grosser Leidenschaft aus den Fellen verschiedene Produkte hergestellt, genäht und gestrickt. Deine kritische Haltung gegenüber den Bewertungen kann ich voll verstehen. Da steckt so viel dahinter, wieso dürfen die Preisrichter(innen) nicht dazu stehen und die vollen Punkte verteilen? Meines Wissens gibt es so etwas in der CH nicht, hier gibt es die Ausstellungen der Fellprodukte ohne die Bewertungen, oder Modeschauen mit tragbaren Fellkreationen. Da machte ich auch mit und das Publikum war vorwiegend die Jury. Die lebendigen Kaninchen werden wie gewohnt bewertet. Natürlich besuchte ich Kurse und trotzdem reizte es mich auch da, immer Neues auszuprobieren, wie ich es heute noch mache……
Vielen Dank für deine Bilder und deine begleitenden Worte. Es freute mich sehr.
Herzliche Grüsse, Brigitte
Liebe Brigitte,
!
ja, ja, wir Bloggerinnen stecken doch voller Überraschungen
Was Du über Deine Fellnähgruppe schreibst, hört sich sehr positiv interessant an – gäbe es hier so etwas, ich würde bestimmt mindestens einmal hinein schnuppern. Tja, das mit den Bewertungen in Deutschland ist so eine Sache, da muss der kräftige wiehernde Amtsschimmel immer schön seine Paragraphen in und außerhalb der Vereinssatzungen beachten – ich kann dem so gar nichts abgewinnen und habe da so meinerseits auch einiges an Erfahrungen gemacht, allerdings mit anderen Vierbeinern als Kaninchen. Ich würde auch für Ausstellungen solcher handgefertigten Stücke ohne Bewertung plädieren. Wäre ich an einem Beitritt in dieser Gruppe ernsthaft interessiert, dann wäre das heute gesehene für mich der Ausschlag dafür gewesen es nicht zu tun.
Vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar über den ich mich sehr gefreut habe!
Herzliche Grüße, Ev
Irgendwie erinnert mich das zum Teil an meine Ex-Schwiegermutter. Die würde sich bestimmt auch so ein Deckchen hinlegen.
Diese Bewerterei finde ich absolut grenzwertig. Aber jedes Ding hat zwei Seiten. Hier gibt es Menschen, die bewerten und Menschen, die sich und ihre Kreationen bewerten lassen. Wer’s braucht.
OMG, da ist so viel Souterrain, dass das ja schon ein unterirdisches Hochhaus ist.
Die Bewertungen finde ich auch etwas … naja.
Viele Grüße
Jinx