Mein lieber Wieland Backes,
20. Dezember 2009 von Ev
“Der irre Kult ums Essen” hieß es am vergangenen Freitag bei Ihnen im NACHTCAFé und ich war gerne bereit, mich auch ohne Strickzeug auf dieses Thema einzulassen.
Wieder einmal gut gewählt war sie, Ihre Gesprächsrunde, wobei ich mir an Diskussionsstoff mehr erwartet hatte, als das, was dann an überaus höflich miteinander ausgetauschten Inhalten in der Runde heraus kam. Ich persönlich hätte gerne mehr über und von Jan Kummerfeld gehört. Die Zusammenhänge in Bezug auf Wegwerfen, Mhd und Warengüterkreislauf sind überaus spannend und ich bin sehr froh, dass es Menschen wie ihn gibt, die darüber berichten, die sich nicht scheuen, gegen den Strom zu leben. Das passende Pendant zu ihm, Andrea Moritz, hat mich mit ihrem Einwurf in Bezug auf in Convenience-Produkten verwendeter Chemie, dass Wasser schließlich mit H2O auch eine chemische Formel habe, sehr amüsiert – nee, das stimmt so nicht, ich saß ja nicht mit dabei, muss deshalb auch gar nicht höflich sein – ich fand ihre Erwiderung nicht lustig, sondern schlicht und einfach doof. Streckenweise wirkte sie wie ein Kind im Sandkasten, das mit dem Schäufelchen um sich haut, weil niemand ihre Sandküchlein auch nur probieren wollte.
Lea Linster und ihre Ode an die gute Kartoffel, die auch Luxus sei, muss man einfach richtig gern haben, gemocht haben Sie offenbar das, was Ihnen Juan Amador servierte, Herr Brosis hinterließ den Eindruck eines in sich Ruhenden, Frau Füllkrug-Weitzel hätte ruhig noch deutlicher auftreten dürfen, Hans-Ulrich Grimm sprach aus, was ich dachte, ja und dann war da noch Peter Wagner. Peter Wagner. Bräsig saß er da in seinem Sessel, sophisticated, so sehr von sich, seiner Fähigkeit zum Genuss, zum Kochen, seinem Kochmonster, seinem 90 cm-Induktionskochfeld und seinen 46 – oder waren es gar 48? – verschiedenen Salzsorten überzeugt, dass ich, bildlich gesproch, gerne von ihm übersättigt, aufgestoßen hätte.
Ich wuchs in einer Zeit heran, in der Studierende, Akademiker, eigentlich alle, die auf ihre Intelligenz etwas hielten, den “Spiegel” als Pflichtlektüre lasen. Es war chic, mehr links als liberal zu sein und dagegen ist auch überhaupt nichts einzuwenden. Ja, seit dieser Zeit ist viel Wasser den Rhein herunter geflossen und ich bin alt geworden, anders kann ich es mir nicht erklären, dass sich der Spiegel einen Redakteur leisten kann, der sich nicht schämt zu kolportieren, dass der Durchschnittsdeutsche sein Geld lieber in einem neuen Spoiler als in guten Lebensmitteln anlegt – so feist und überheblich kann sich Kapitalismus verkörpern. Ich frage mich, was das für Männer sind, von denen er sagt, dass sie sein Portal brauchen, um sich endlich frei zu kochen? Vielleicht die mittlerweile zu Wohlstand gekommene und stallblind gewordene Intelligenzia von früher? Mal kurz das Beinchen heben und auf Tim Mälzer strullern, um die eigene Eloquenz und Kompetenz aufzuzeigen, das reicht mir nicht zur Überzeugung. Ein altes Sprichwort sagt, dass manche Zeitgenossen immer mal wieder mit den Großen pinkeln wollen, dafür aber das Bein nicht hoch genug bekommen – ein Schelm, wer Böses dabei denkt!
Mich hat noch nie interessiert, welchen akademischen Grad, welche Berufsbezeichnung oder weitere Meriten, mein Gegenüber aufzuweisen hat. Bei mir entscheidet das Gefühl, der Blick in die Augen, der Händedruck und das, was sich in Gesprächen an Meinungen, Sichtweisen, Inhalten präsentiert und in diesem Zusammenhang hat für mich mancher Volontär mehr Verve, Respekt und emotionale Intelligenz als die Herren, denen er dient.
Wenn man oben an der Spitze des Turmes sitzt und sich seines Lebens und der Dinge erfreut, die man sich in ihm geschaffen hat, dann sollte man tunlichst nicht die Menschen vergessen, die das Fundament bilden, denn wenn dieses wackelt oder Risse bekommt, dann ist auch die schillerndste Tumspitze zum Untergang verurteilt und das was oben war, suhlt sich ruckzuck im so geschmähten Bodensatz.
Mahlzeit!

